Walliser Bote 18. Februar 1980
 
 
An einer ausserordentlichen Orientierungsversammlung hat gestern die Meiga-Touristik AG die Bevölkerung von Guttet und Feschel über die geplante touristische Erschliessung im Gebiet von «Obern» und «Galm» orientiert. Die Aktiengesellschaft will vor allem mit Basler Geldern in den kommenden Jahren mit der grossen Kelle anrichten. Gestern regten sich aber innerhalb der Bewohner vorab von Feschel auch kritische Stimmen:
Tourismus ja, aber . . .
 
Guttet/Feschel. — Gestern hat sie nun ihre Karten erstmals offiziell aufgedeckt, die Meiga-Touristik AG mit Sitz in Guttet, die in den kommenden Jahren das Skigebiet zwischen den Alpen «Obern»/ «Galm» und dem Dorf mit einer 4,5 Kilometer langen Gondelbahn und Sessel- wie Skiliften erschliessen und gleichzeitig auch den Bau von mehreren Appart-Hotels vorantreiben will. Etappenweise sollen im Rahmen dieses
Erschliessungsprojektes in Anlagen und Immobilien bis zu 30 Millionen Franken investiert werden. Was wunder, wenn gestern vor Beginn der Orientierungsversammlung eine fast andächtige Stille herrschte in der Turnhalle auf dem Wiler, wo die Bewohner von Guttet und Feschel und die Alpgeteilen von «Obern» und «Galm» praktisch den letzten Platz besetzten. Nach mehr als zweistündiger Orientierung, einem kurzen Film über ein herrliches winterliches Hinterland und einer längeren Diskussion liessen sich im Saal zwei Lager ausmachen: Auf der einen Seite die begeisterten Befürworter der Erschliessungspläne, die sich nicht allzuviel Fragen stellen nach zwangsläufig verbundenen Problemen.
   
Sie wissen, dass Guttet/Feschel bereits einmal Anstrengungen unternahm, um aus dem Teufelskreis geringer wirtschaftlicher Entwicklung und Abwanderung herauszukommen und die Initianten damals über finanzielle Fallstricke gestolpert waren. Sie sind der Meinung, dass die Projekte der Meiga-Touristik AG so etwas, wie ein letzter Trumpf, eine unverhoffte Chance sind. Im ändern Lager bekennt man sich zwar zum Tourismus und einer entsprechenden Entwicklung, doch macht sich dieser Teil der Bewohner der Region mehr Gedanken über die unausweichlichen Konseqnenzen im infrastrukturellen Bereich (Wasser, Abwasser, Strassenverbindungen Parkplätze). Begeisterung für die Meiga-Vorhaben findet sich eher in Guttet, während die Skepsis im nur drei Steinwürfe entfernten Nachbardorf unverkennbar grösser ist.
Unterentwickelte Region
Grundsätzlich ist festzuhalten, dass die Meiga-Touristik AG mit ihren ehrgeizigen Plänen in ein eigentliches Va-kuum vorstösst. Sowohl Guttet wie auch Feschel sind typische Bergdörfer des Sonnenhanges, die bisher wohl als attraktive Wohnstätte galten, aber auf der ändern Seite praktisch nur gerade in der im Abwind steckenden Landwirtschaft und vereinzelt im Gewerbe oder im Dienstleistungssektor Arbeitsplätze anzubieten vermochten. Arbeit und Verdienst suchen weitaus die meisten erwerbsfähigen Bewohner auswärts. Die Abwanderung hat denn Feschel und Guttet in den letzten Jahrzehnten auch entsprechend zu schaffen gemacht. Sicher sind da oder dort in den vergangenen Jahren Ferienhäuser gebaut worden und auch die einheimischen Bewohner vermieteten in den letzten Jahren Zweitwohnungen. Aber von einem ganzjährigen, volkswirtschaftlich interessanten Tourismus war und ist man sehr weit entfernt. Im Gegensatz zu Albinen beispielsweise,
 
das nun im Sog von Leukerbad/Tor-rent die touristische Karte recht gut ins Spiel bringen kann, fehlte ein derartiger Anreiz in Guttet und Feschel. Ende der sechziger Jahre zerschlug sich bereits einmal ein Versuch, das «weisse Hinterland» von Guttet und Feschel zu erschliessen und damit neben einer landwirtschaftlichen auch einer touristischen Erschliessung zuzuführen.
Was will
die Meiga-Touristik?
Was will sie nun, die Meiga-Touristik AG, die im vergangenen September 1979 mit einem Aktienkapital von 50 000 Franken gegründet worden ist? Rückgrat des ganzen Projektes ist offensichtlich eine 4,5 Kilometer lange Sechskabinen-Gondelbahn, die von der Talstation oberhalb des Dorfes Guttet bis hinauf in die «Schnidi» führt. Damit und mit einem oder zwei Liften nebst einer Sesselbahn (sie würden im Rahmen von mehreren Etappen verwirklicht) wäre ein zwölf Kilometer Pistenlänge aufweisendes Skigebiet erschlossen — freilich um den stolzen Betrag von drei Millionen Franken einzig für die Anlagekosten der Gondelbahn, Bauten nicht mitberechnet. Neben den Installationen im Skigebiet will die Aktiengesellschaft (ihr Kapital soll auf eine halbe Million Franken aufgestockt werden) auch gleich schon einmal den Bau des Ap-part-Hotel «Amarona» an die Hand nehmen. In anderthalb Jahren soll das 120-Betten-Gebäude stehen. Aber nur das Restaurant und die Verwaltung würden laut Angaben der Initianten unter dem Segel der Meiga-Touristik AG stehen. Für rund 80 Prozent der Wohnungen sind jetzt schon praktisch deutsche Interessenten gefunden. Den Initianten (im Verwaltungsrat sitzen die Herren Gautschy, Marti (Vizepräsident von Guttet, und Robert Meich-try) schweben zwei weitere Appart-Hotels und der Bau von Ferienhäusern vor. Ein Ausbau — so argumentieren
 
Teils auch andere Töne
Während der gestrigen Orientierungsversammlung wurden auch rüde Töne laut und durch teils persönlich eingefärbte Seitenblicke an die Adresse der kantonalen Forstbehörden (sie hatten offenbar das Skiliftprojekt einstellen wollen) erhält der Aussenstehende den Eindruck, dass einerseits die Region heute auch nicht geschlossen hinter dem Vorhaben steht und auf der ändern Seite das Verhältnis der Trägerschaft des künftigen Tourismus mit wichtigen kantonalen Amtsstellen eini-germassen getrübt ist. Für kommende und sicher nicht leichte Konzessionsverhandlungen ist zumindest der letzte Punkt eine gewisse Hypothek. Dass freilich auch ein Hauch von Dorfgeist bei der sehr unterschiedlichen Bewertung der ersten Schritte der Meiga-Touristik AG mitspielt, ist unbestritten. Es scheint, als fühlten sich die Feschler überrumpelt und übergangen. Sie sind von der Nachbargemeinde denn auch praktisch vor vollendete Tatsachen gestellt worden.
Und die Infrastruktur?
Zum Sprecher einer sachbezogenen Opposition hat sich gestern Hans-Rudolf Meichtry, Gemeindepräsident von Feschel gemacht. Während sein Amtskollege Roman Kuonen uneingeschränkt hinter der Aktiengesellschaft steht, die laut Vewaltungsratspräsi-dent Gautschy «Hand in Hand» mit der Gemeinde Guttet zusammenarbeiten soll, äusserte der Präsident von Feschel Bedenken. Pikanterweise bekleidet er gleichzeitig auch das Amt des Verkehrsvereinspräsidenten von Guttet-Feschel. Er stellte den Initianten Fragen nach den Folgen der geplanten Erschliessung auf dem Gebiet der Ausrüstung, der lnfrastruktur beider Gemeinden. Wisser, Parkplätze, Abwasser, Strasenverbindungen, dann auch die Frage, wie weit die Gemeinden im Falle v« Defiziten herbeigezogen würden, waren die Hauptbedenken, die er äussete. Dies trug ihm von seiten der Promotoren den Vorwurf ein, der Verkehrsverein betreibe heute einen kleinkarierten «Vierziger-marken-Tourismus» — offenbar als «Tatsch» für den Posthalter und Ver-kehrsvereinspräsidenten gemünzt.
Aufruf zur Sachlichkeit
Während der Orientierungsversammlung fehlten aber auch nicht Aufrufe zu Besonnenheit und Sachlichkeit. Dass man auch seitens der Initianten den Leuten «nicht übers
Maul fahren dürfe, die in der heutigen Euphorie mit sachlichen Einwänden
kämen» ist die Ansicht eines Josef Kuonen, der sich «ebenso wie andere gemässigte Redner für eine touristische Entwicklung ausspricht — aber unter
 
Abklärung der Folgekosten und der Probleme, die dadurch heraufbeschworen würden. Einige Male wurde gestern weiter auch angetönt, dass man den Tourismus und entsprechende Erschliessungen schon darum gerne kommen sieht, weil dadurch der einheimischen Jugend zusätzliche Ansatzpunkte für den Verbleib in den Dörfern geboten würden.

Die kommenden Monate geben Exponenten der Meiga-Touristik AG Gelegenheit, um den Dialog über den engen Kreis des Dorfes Guttet hinaus vermehrt zu suchen. Denn viele Probleme und Aufgaben können nur im Verbund mit den Nachbarn und in enger Znsammenarbeit selbst mit Skeptikern gelöst werden. Bis die wichtige und heikle Phase der Konzessionsgesuche eintritt, muss auch das gestörte Verhältnis zu den Forstinstanzen und die hängige Angelegenheit der unbe-willigten «Mini-Rodung» in Ordnung zu bringen sein. Tourismus ist sicher die einzige reelle und zukunftsträchtige Entwicklungsmöglichkeit für Guttet/ Feschel. Darum darf diese Karte nicht überstürzt, ohne genügende Abklärung der Folgekosten (wie Verbauungen und Dorfumfahrungen, wie Wasserversorgung und Abwasserfrage, wie Strassenzufahrten und Parkplätze) und damit aus dem Handgelenk ausgespielt werden. Ith

Letzte Aktualisierung: 3.4.2002