| Leuk-Susten / Nach
dem verheerenden Flammeninferno in Leuk hat sich die Situation weitgehend
beruhigt. Was bleibt, sind viele offene Fragen und ein finanzieller Schaden
in Millionenhöhe. Gegenüber der RZ nimmt Gemeindepräsident
Gaston Oggier Stellung zu den Vorwürfen der zu späten Alarmierung
und den fehlenden Wasserreservoirs.
Von Walter Bellwald und Ruth Seeholzer
Eine Woche nach dem Ausbruch der Brandkatastrophe in Leuk; wie geht
es Ihnen?
Einerseits bin ich ein bisschen müde, anderseits bin ich froh,
dass nicht mehr passiert ist. Wenn man bedenkt, in was für einer
Gefahr wir geschwebt haben, ist das Ganze doch relativ glimpflich abgelaufen.
Wie viel haben Sie in den letzten Nächten geschlafen?
Die erste Nacht nach dem Ausbruch des Feuers habe ich versucht, mich
während zwei Stunden hinzulegen. Von Schlaf war allerdings keine
Rede. Ich habe nur vor mich hingedöst und mich ständig im Bett
herumgewälzt. Von meinem Bett aus konnte ich das Feuer beobachten;
das ist ein eigenartiges Gefühl. Ich konnte kein Auge zutun. Die
zweite Nacht hat mich dann die Müdigkeit doch übermannt und
ich habe zirka drei Stunden fest geschlafen.
Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die lodernden Flammen von Ihrem
Schlafzimmer aus gesehen haben?
Es war ein grausiges Szenario. Die grellen Flammen haben sich gespenstisch
gegen den schwarzen Nachthimmel hin abgehoben. In einem solchen Momente
gehen einem viele Gedanken durch den Kopf. Ich habe auf unsere Feuerwehrleute
vertraut und gehofft, dass sich der Wind nicht dreht. Ansonsten wäre
Leuk stark gefährdet gewesen. Zwischendurch habe ich auch ein Stossgebet
zum Himmel geschickt.
Hatten Sie Angst?
Sicher habe ich Angst gehabt. Die Situation war sehr ernst. Die Flammen
sind bis auf 100 Meter an die ersten Häuser herangekommen. Nur dank
dem Westwind konnte eine grössere Katastrophe vermieden werden.
Haben Sie auch mit dem Herrgott über das Schicksal gehadert?
Sicher habe ich mir solche Gedanken gemacht.
Was war Ihr erster Gedanke am Morgen nach der ersten Feuer-Nacht?
Zuerst bin ich aufgestanden und habe mich vergewissert, was alles
dem Raub der Flammen zum Opfer gefallen ist. Noch am Vorabend habe ich
beispielsweise gedacht, dass der Weiler Thel dem Flammenmeer nicht standhalten
würde. Um so überraschter war ich, dass alle Gebäude im
Thel unversehrt waren. Danach habe ich mich bei den zuständigen Stellen
über die allgemeine Situation informiert.
Der Brandausbruch wurde kurz vor 20 Uhr abends entdeckt. Wo waren
Sie zu diesem Zeitpunkt?
Ich war in den vergangenen Wochen in den Ferien und bin genau an diesem
Tag heimgekommen. Zum Zeitpunkt des Brandausbruchs war ich auf dem Golfplatz.
Von hier aus sah ich die dunklen Rauchschwaden aufsteigen und habe sofort
das Schlimmste befürchtet. Schon kurze Zeit später habe ich
dann die ersten Flammen gesehen.
Kurz darauf sind Sie zum Brandherd gefahren. Was für ein Bild
haben Sie hier vorgefunden?
Als ich am Unglücksort eingetroffen bin, hat mich zuerst eine
grosse Hilflosigkeit übermannt. Alle haben nach der Feuerwehr geschrien
und man konnte sich nur mühsam einen Überblick verschaffen.
Wann ist Ihnen das ganze Ausmass der Katastrophe bewusst geworden?
Im ersten Augenblick war ich wie gelähmt und beeindruckt, mit
was für einer Geschwindigkeit sich das Feuer ausgebreitet hat. Man
ist sich in einem solchen Moment nicht über das mögliche Ausmass
bewusst. Erst nach und nach kann man sich einen Überblick über
das ganze Desaster verschaffen. Nach einem kurzen Augenschein vor Ort
bin ich nach Leuk ins Feuerwehrlokal gefahren und habe mich über
Funk informieren lassen. Dann habe ich mich ans Telefon gesetzt, um die
Armee um Hilfe anzurufen.
Innert kurzer Zeit wurde ein Kommandoposten aufgestellt?
Nach dem ersten Schock haben wir auf dem Sportplatz in Susten eine
Kommandostelle eingerichtet. Hier hatten wir genügend Parkplätze
und konnten das notwendige Material deponieren. Zudem eignete sich der
Fussballplatz als idealer Heli-Landeplatz. Auch die entsprechenden Büroräumlichkeiten
standen uns hier zur Verfügung.
Wie lange hat es gedauert, bis der erste Löschhelikopter eingetroffen
ist?
Mit dem Artikel in der Sonntags Zeitung ist eine gewisse
Polemik um dieses Thema entstanden, weil ein Zitat von Kreisförster
Viktor Bregy falsch wiedergegeben wurde. Darin wurde den Behörden
unter anderem vorgeworfen, sie hätten nicht schnell genug reagiert.
Tatsache ist aber, dass schon 8 Minuten nach Eingang des Notrufs der Feuerwehr-Kommandant
auf Platz war und sofort die Helikop-ter angefordert hat. 11 Minuten nach
Eingang des Heliaufgebotes war der erste Helikopter in der Luft und weitere
5 Minuten später ist er im Brandgebiet eingetroffen. Im Klartext:
Rund 30 Minuten nach der Alarmierung war der erste Helikopter vor Ort.
Weiter wurde Ihnen vorgeworfen, dass in der Region zu wenig Wasserreservoirs
vorhanden seien?
Wir haben auf der Sonnenseite zwei Wasserreservoirs. Eines steht oberhalb
der Satellitenbodenstation und ein weiteres oberhalb des Weilers Thel.
Die Wohngebiete sind also mit genügend Trink-, und für sogenannte
Notfälle auch mit einer Löschwasser-Reserve abgedeckt. Ich kenne
keine Gemeinde, die ein Wasserreservoir eigens für Löschwasser
erstellt hat und dieses mit Wasser aus dem Talgrund speist. Nach Aussagen
des Brunnenmeisters stand zu jeder Zeit genügend Wasser zur Verfügung.
Trotzdem: Stellt sich die Frage, ob ein weiteres Reservoir mit Löschwasser
in dieser Gegend nicht angebracht wäre?
Ich frage mich, ob das sinnvoll ist. Man müsste das Wasser aus
dem Rotten auf die entsprechende Höhe pumpen. Das ist mit einem grossen
Kostenaufwand verbunden. Natürlich wäre es ideal, wenn man die
ganze Sonnenseite mit Hydranten vernetzen könnte. Aber das ist eine
kostspielige Angelegenheit und wohl kaum zu realisieren.
Inzwischen ist der Brand weitgehend unter Kontrolle. Wie präsentiert
sich die aktuelle Lage?
Weil sich der Wind inzwischen gelegt hat, ist das Feuer mehrheitlich
unter Kontrolle. Auf dem Schadensplatz wird aber immer noch weitergearbeitet.
So muss der ganze Boden aufgewühlt und mit Wasser abgespritzt werden.
Zurzeit besteht noch die Gefahr, dass sich die Glut in den vielen Baumstümpfen
zu einem Feuer entfachen kann. Auch die Armee ist immer noch im Einsatz
und macht während der Nacht Aufnahmen mit Infrarot-Kameras. Das wiederum
zeigt uns auf, wo die grössten Gefahrenherde liegen.
Hat man inzwischen schon genauere Informationen zur Brandursache?
Nein. Noch gibt es keine näheren Angaben. Die Polizei war inzwischen
vor Ort und hat die ersten Untersuchungen eingeleitet.
In den vergangenen Wochen wurden schon etliche Brandherde entdeckt?
Das ist richtig. Darum wurde in letzter Zeit eine Feuerwehr-Patrouille
eingesetzt, um mögliche Brandherde zu melden und sofort einzudämmen.
Glauben Sie, dass ein Feuerteufel die Gegend unsicher macht?
Es ist kaum anzunehmen, dass die wiederholten Feuer in unserer Gegend
zufällig entstehen.
Wie viele Rettungskräfte und Feuerwehrleute waren dieser Tage
im Einsatz?
Allein am vergangenen Samstag standen rund 350 Feuerwehrleute im Einsatz.
Auch während der Nacht wurde das Feuer bekämpft. Insgesamt waren
rund 500 Feuerwehrleute auf Platz. Dazu standen acht Helikopter fast pausenlos
im Einsatz.
Die heimische Feuerwehr wurde tatkräftig unterstützt?
Wir haben eine unglaubliche Solidarität erlebt. Aus praktisch
allen Regionen des Kantons kamen uns die Feuerwehrleute zu Hilfe und haben
uns bei den Löscharbeiten geholfen. Auch zwei Kompanien aus dem Berner
Oberland und aus Zürich standen uns zur Seite.
.Das Ausmass der Brandkatastrophe ist verheerend. Wie gross ist der
Schaden?
Nach ersten Schätzungen wurden rund 450 Hektaren Wald in Mitleidenschaft
gezogen. Die effektiven Schäden an Fauna und Flora belaufen sich
zwischen 10 und 15 Millionen Franken.
Hat die Feuersbrunst neben dem grossen finanziellen Schaden auch direkte
Nachwirkungen auf die Sicherheit der Einwohner?
Nach den verheerenden Waldbränden besteht zurzeit Steinschlaggefahr.
Mit den nötigen Sicherheitsvorkehrungen hat man bereits begonnen.
Später sind auch Lawinenverbauungen vorgesehen, um die Zufahrt nach
Leukerbad zu sichern.
Sind die Anwohner durch den Steinschlag direkt gefährdet?
Nein, nicht mehr. Wie gesagt, in den betreffenden Gebieten wurden
schon erste Sicherheitsvorkehrungen getroffen und niemand muss um seine
Sicherheit fürchten.
Der finanzielle Schaden beläuft sich nach eigenen Angaben auf
10 bis 15 Millionen Franken. Muss die Gemeinde Leuk-Susten für diese
Kosten alleine aufkommen?
Man muss unterscheiden zwischen den Löschkosten und dem Schaden
an den Kulturen, die sich auf rund 10 Millionen Franken belaufen. Die
Kosten für den Einsatz der Feuerwehrleute und die Helikopter werden
zwischen 400000 und 500000 Franken pro Tag beziffert. Wir
hoffen aber, dass uns diese Kosten nicht vollumfänglich in Rechnung
gestellt werden.
Haben Sie schon finanzielle Zusagen bekommen?
Es waren schon alle Staatsräte auf Platz und haben uns die finanzielle
Unterstützung des Kantons zugesichert. Und wir hoffen natürlich
auch, dass uns der Bund finanziell unter die Arme greifen wird. Dazu haben
wir ein Spendenkonto eingerichtet. Unter der Nummer PC 19-1051-0 nehmen
wir gerne jede Spende entgegen.
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