RZ, 21.08.03
Gaston Oggier, Gemeindepräsident von Leuk-Susten
„Ich habe sofort das Schlimmste befürchtet“

 
Leuk-Susten / Nach dem verheerenden Flammeninferno in Leuk hat sich die Situation weitgehend beruhigt. Was bleibt, sind viele offene Fragen und ein finanzieller Schaden in Millionenhöhe. Gegenüber der RZ nimmt Gemeindepräsident Gaston Oggier Stellung zu den Vorwürfen der zu späten Alarmierung und den fehlenden Wasserreservoirs.

Von Walter Bellwald und Ruth Seeholzer

Eine Woche nach dem Ausbruch der Brandkatastrophe in Leuk; wie geht es Ihnen?
Einerseits bin ich ein bisschen müde, anderseits bin ich froh, dass nicht mehr passiert ist. Wenn man bedenkt, in was für einer Gefahr wir geschwebt haben, ist das Ganze doch relativ glimpflich abgelaufen.

Wie viel haben Sie in den letzten Nächten geschlafen?
Die erste Nacht nach dem Ausbruch des Feuers habe ich versucht, mich während zwei Stunden hinzulegen. Von Schlaf war allerdings keine Rede. Ich habe nur vor mich hingedöst und mich ständig im Bett herumgewälzt. Von meinem Bett aus konnte ich das Feuer beobachten; das ist ein eigenartiges Gefühl. Ich konnte kein Auge zutun. Die zweite Nacht hat mich dann die Müdigkeit doch übermannt und ich habe zirka drei Stunden fest geschlafen.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die lodernden Flammen von Ihrem Schlafzimmer aus gesehen haben?
Es war ein grausiges Szenario. Die grellen Flammen haben sich gespenstisch gegen den schwarzen Nachthimmel hin abgehoben. In einem solchen Momente gehen einem viele Gedanken durch den Kopf. Ich habe auf unsere Feuerwehrleute vertraut und gehofft, dass sich der Wind nicht dreht. Ansonsten wäre Leuk stark gefährdet gewesen. Zwischendurch habe ich auch ein Stossgebet zum Himmel geschickt.

Hatten Sie Angst?
Sicher habe ich Angst gehabt. Die Situation war sehr ernst. Die Flammen sind bis auf 100 Meter an die ersten Häuser herangekommen. Nur dank dem Westwind konnte eine grössere Katastrophe vermieden werden.

Haben Sie auch mit dem Herrgott über das Schicksal gehadert?
Sicher habe ich mir solche Gedanken gemacht.

Was war Ihr erster Gedanke am Morgen nach der ersten Feuer-Nacht?
Zuerst bin ich aufgestanden und habe mich vergewissert, was alles dem Raub der Flammen zum Opfer gefallen ist. Noch am Vorabend habe ich beispielsweise gedacht, dass der Weiler Thel dem Flammenmeer nicht standhalten würde. Um so überraschter war ich, dass alle Gebäude im Thel unversehrt waren. Danach habe ich mich bei den zuständigen Stellen über die allgemeine Situation informiert.

Der Brandausbruch wurde kurz vor 20 Uhr abends entdeckt. Wo waren Sie zu diesem Zeitpunkt?
Ich war in den vergangenen Wochen in den Ferien und bin genau an diesem Tag heimgekommen. Zum Zeitpunkt des Brandausbruchs war ich auf dem Golfplatz. Von hier aus sah ich die dunklen Rauchschwaden aufsteigen und habe sofort das Schlimmste befürchtet. Schon kurze Zeit später habe ich dann die ersten Flammen gesehen.

Kurz darauf sind Sie zum Brandherd gefahren. Was für ein Bild haben Sie hier vorgefunden?
Als ich am Unglücksort eingetroffen bin, hat mich zuerst eine grosse Hilflosigkeit übermannt. Alle haben nach der Feuerwehr geschrien und man konnte sich nur mühsam einen Überblick verschaffen.

Wann ist Ihnen das ganze Ausmass der Katastrophe bewusst geworden?
Im ersten Augenblick war ich wie gelähmt und beeindruckt, mit was für einer Geschwindigkeit sich das Feuer ausgebreitet hat. Man ist sich in einem solchen Moment nicht über das mögliche Ausmass bewusst. Erst nach und nach kann man sich einen Überblick über das ganze Desaster verschaffen. Nach einem kurzen Augenschein vor Ort bin ich nach Leuk ins Feuerwehrlokal gefahren und habe mich über Funk informieren lassen. Dann habe ich mich ans Telefon gesetzt, um die Armee um Hilfe anzurufen.

Innert kurzer Zeit wurde ein Kommandoposten aufgestellt?
Nach dem ersten Schock haben wir auf dem Sportplatz in Susten eine Kommandostelle eingerichtet. Hier hatten wir genügend Parkplätze und konnten das notwendige Material deponieren. Zudem eignete sich der Fussballplatz als idealer Heli-Landeplatz. Auch die entsprechenden Büroräumlichkeiten standen uns hier zur Verfügung.

Wie lange hat es gedauert, bis der erste Löschhelikopter eingetroffen ist?
Mit dem Artikel in der „Sonntags Zeitung“ ist eine gewisse Polemik um dieses Thema entstanden, weil ein Zitat von Kreisförster Viktor Bregy falsch wiedergegeben wurde. Darin wurde den Behörden unter anderem vorgeworfen, sie hätten nicht schnell genug reagiert. Tatsache ist aber, dass schon 8 Minuten nach Eingang des Notrufs der Feuerwehr-Kommandant auf Platz war und sofort die Helikop-ter angefordert hat. 11 Minuten nach Eingang des Heliaufgebotes war der erste Helikopter in der Luft und weitere 5 Minuten später ist er im Brandgebiet eingetroffen. Im Klartext: Rund 30 Minuten nach der Alarmierung war der erste Helikopter vor Ort.

Weiter wurde Ihnen vorgeworfen, dass in der Region zu wenig Wasserreservoirs vorhanden seien?
Wir haben auf der Sonnenseite zwei Wasserreservoirs. Eines steht oberhalb der Satellitenbodenstation und ein weiteres oberhalb des Weilers Thel. Die Wohngebiete sind also mit genügend Trink-, und für sogenannte Notfälle auch mit einer Löschwasser-Reserve abgedeckt. Ich kenne keine Gemeinde, die ein Wasserreservoir eigens für Löschwasser erstellt hat und dieses mit Wasser aus dem Talgrund speist. Nach Aussagen des Brunnenmeisters stand zu jeder Zeit genügend Wasser zur Verfügung.

Trotzdem: Stellt sich die Frage, ob ein weiteres Reservoir mit Löschwasser in dieser Gegend nicht angebracht wäre?
Ich frage mich, ob das sinnvoll ist. Man müsste das Wasser aus dem Rotten auf die entsprechende Höhe pumpen. Das ist mit einem grossen Kostenaufwand verbunden. Natürlich wäre es ideal, wenn man die ganze Sonnenseite mit Hydranten vernetzen könnte. Aber das ist eine kostspielige Angelegenheit und wohl kaum zu realisieren.

Inzwischen ist der Brand weitgehend unter Kontrolle. Wie präsentiert sich die aktuelle Lage?
Weil sich der Wind inzwischen gelegt hat, ist das Feuer mehrheitlich unter Kontrolle. Auf dem Schadensplatz wird aber immer noch weitergearbeitet. So muss der ganze Boden aufgewühlt und mit Wasser abgespritzt werden. Zurzeit besteht noch die Gefahr, dass sich die Glut in den vielen Baumstümpfen zu einem Feuer entfachen kann. Auch die Armee ist immer noch im Einsatz und macht während der Nacht Aufnahmen mit Infrarot-Kameras. Das wiederum zeigt uns auf, wo die grössten Gefahrenherde liegen.

Hat man inzwischen schon genauere Informationen zur Brandursache?
Nein. Noch gibt es keine näheren Angaben. Die Polizei war inzwischen vor Ort und hat die ersten Untersuchungen eingeleitet.

In den vergangenen Wochen wurden schon etliche Brandherde entdeckt?
Das ist richtig. Darum wurde in letzter Zeit eine Feuerwehr-Patrouille eingesetzt, um mögliche Brandherde zu melden und sofort einzudämmen.

Glauben Sie, dass ein Feuerteufel die Gegend unsicher macht?
Es ist kaum anzunehmen, dass die wiederholten Feuer in unserer Gegend zufällig entstehen.

Wie viele Rettungskräfte und Feuerwehrleute waren dieser Tage im Einsatz?
Allein am vergangenen Samstag standen rund 350 Feuerwehrleute im Einsatz. Auch während der Nacht wurde das Feuer bekämpft. Insgesamt waren rund 500 Feuerwehrleute auf Platz. Dazu standen acht Helikopter fast pausenlos im Einsatz.

Die heimische Feuerwehr wurde tatkräftig unterstützt?
Wir haben eine unglaubliche Solidarität erlebt. Aus praktisch allen Regionen des Kantons kamen uns die Feuerwehrleute zu Hilfe und haben uns bei den Löscharbeiten geholfen. Auch zwei Kompanien aus dem Berner Oberland und aus Zürich standen uns zur Seite.

.Das Ausmass der Brandkatastrophe ist verheerend. Wie gross ist der Schaden?
Nach ersten Schätzungen wurden rund 450 Hektaren Wald in Mitleidenschaft gezogen. Die effektiven Schäden an Fauna und Flora belaufen sich zwischen 10 und 15 Millionen Franken.

Hat die Feuersbrunst neben dem grossen finanziellen Schaden auch direkte Nachwirkungen auf die Sicherheit der Einwohner?
Nach den verheerenden Waldbränden besteht zurzeit Steinschlaggefahr. Mit den nötigen Sicherheitsvorkehrungen hat man bereits begonnen. Später sind auch Lawinenverbauungen vorgesehen, um die Zufahrt nach Leukerbad zu sichern.

Sind die Anwohner durch den Steinschlag direkt gefährdet?
Nein, nicht mehr. Wie gesagt, in den betreffenden Gebieten wurden schon erste Sicherheitsvorkehrungen getroffen und niemand muss um seine Sicherheit fürchten.

Der finanzielle Schaden beläuft sich nach eigenen Angaben auf 10 bis 15 Millionen Franken. Muss die Gemeinde Leuk-Susten für diese Kosten alleine aufkommen?
Man muss unterscheiden zwischen den Löschkosten und dem Schaden an den Kulturen, die sich auf rund 10 Millionen Franken belaufen. Die Kosten für den Einsatz der Feuerwehrleute und die Helikopter werden zwischen 400’000 und 500’000 Franken pro Tag beziffert. Wir hoffen aber, dass uns diese Kosten nicht vollumfänglich in Rechnung gestellt werden.

Haben Sie schon finanzielle Zusagen bekommen?
Es waren schon alle Staatsräte auf Platz und haben uns die finanzielle Unterstützung des Kantons zugesichert. Und wir hoffen natürlich auch, dass uns der Bund finanziell unter die Arme greifen wird. Dazu haben wir ein Spendenkonto eingerichtet. Unter der Nummer PC 19-1051-0 nehmen wir gerne jede Spende entgegen.